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Proof – die (skurrile) Angabe des Alkoholgehalts

Neulich auf der Tarona 2020 waren nicht nur aktuelle Abfüllungen zu finden, sondern auch ältere bzw. ganz alte. Hier ist nicht das Alter der Reifung gemeint, sondern der Zeitpunkt der Veröffentlichung. Schaut man sich die teils über 50 Jahre alten Labels an, irritieren insbesondere die skurrilen Angabe zum Alkoholgehalt. Zum Verständnis ist Folgendes zu beachten.

Scotch, also schottischer Whisky, ist bekanntlich ein alkoholhaltiges Getränkt. Gerade dies macht es zum Fluch und Segen zugleich. Um Vorsicht walten zu lassen, sollte jeder der einen Scotch bzw. einen Whisky genießt wissen, welchen Alkoholgehalt sein Getränk hat. Die heutige Definition des Alkoholgehaltes bezieht sich auf einen Prozentsatz in Bezug auf das Volumen des Whisky’s. Die aktuelle Bezeichnung lautet daher Volumenprozent (Einheitenzeichen u. a. „% vol“). Das bedeutet, dass bei einem Alkoholgehalt von 50 % und einer Temperatur von 20 °C, die Hälfte des Flaschenvolumens reiner Alkohol (d. h. Ethanol) ist – das aber war nicht immer so.

Schaut man sich die Flaschenlabels alter Abfüllungen an, fällt auf, dass darauf bis Ende der 1940er Jahre meist kein Alkoholgehalt auswiesen war. Erst in den 1950er Jahren wurde der Alkoholgehalt des Scotchs auf dem Label angegeben, jedoch nicht in „% vol“, sondern in „Proof“ – besser gesagt „Degrees Proof“. Diese Bezeichnung definiert den Alkoholgehalt mit 100, wenn mit Alkohol versetztes Schwarzpulver durch Entflammen zur Explosion gebracht werden konnte. Wichtig ist diesem Zusammenhang zu wissen, dass jahrhundertelang die Qualität des Scotchs fast ausschließlich an seiner Stärke, d. h. an der Höhe des Alkoholgehalts festgemacht wurde. So konnte jeder der Schwarzpulver und Feuer besaß, die „Qualität“ des Whiskys bestimmen.

In der „guten alten Zeit“ hinterließ diese Verfahren Verletzte oder Tote , denn war der Whisky zu schwach, glimmet das Schwarzpulver nur. Reichte der Alkoholgehalt aber aus, das Schwarzpulver zur Explosion zu bringen, entschied über das Wohl und Weh, wieviel man dazu benutzte. Zwischen einem putzigen Knall (ähnlich einem Zündplättchen, dass ist im Prinzip das Gleiche) oder einer heftigen Detonation war alles möglich – je nach Grips in der Birne. In der heutigen Zeitfasst man sich bei einem solchen Verfahren an den Kopf. 

Erstaunlicherweise wurde diese archaische Angabe noch bis Ende der 1970er Jahre in Großbritannien, mithin auch in Schottland, verwendet. Erst ab dem 01. Januar 1980 musste der Alkoholgehalt auf dem Label in „% vol“ angegeben werden. Letztlich stellt sich für den Interessierte die Frage, wie erfolgt die Umrechnung zwischen „Proof“ und „% vol“. Mit einem einfachen Dreisatz ist dies zu bewerkstelligen, wenn man weiß, dass in Großbritannien 100 Proof = 57, 15 % vol entsprachen.

Interessant sind die Abfüllungen auf dem obigen Bild. Dabei handelt es sich zum einen „Several Years old“ (zu Deutsch „mehrere Jahre alt) Lord Roxburgh aus den späten 1940er oder frühen 1950er Jahren und einen CUTTY SARK vermutlich aus den 1970er Jahren oder 1980er Jahren. Der Lord Roxburgh weist einen Alkoholgehalt von 75 Proof, d. h. nach dem Maßsystem in Großbritannien rd. 42,9 % vol aus. Der CUTTY SARK hingegen 86 Proof. Dabei handelt es sich um eine amerikanische Version des Blends, zu erkennen an der Volumeneinheit „Quart“ (in Kombination mit Proof, den in Deutschland gab es diese Maßeinheit ebenfalls schon einmal). In den USA entsprachen 100 Proof jedoch nur 50 % vol, demnach hat der CUTTY SARK einen Alkoholgehalt von 43 % vol.

So könnte der Reigen historischer Maßeinheiten des Alkoholgehalts in den einzelnen Ländern fortführen werden, oder einfach nur Dankbar dafür sein, dass dies heute weitgehend vereinheitlich ist. Hoch lebe das Volumenprozent!