Foto:WCN

Balblair Destillerie – Einsamkeit im Norden Schottlands

Unweit der Südküste des Dornoch Firth, in einer fast menschenleeren Gegend, liegt die Kleinstadt Tain. Mit gerade einmal etwa 3.500 Einwohnern bildet sie das städtische Zentrum der Region. Von diesem verschlafenen Örtchen aus, sind es Richtung Nordwesten, noch einmal etwa zehn Autominuten bis zur Balblair Distillery, die in einer der wildesten und schönsten Gegenden Schottlands liegt – welche nun wirklich menschenleeren ist. Das sollte der Destillerie jedoch nicht als Nachteil ausgelegt werden, erst in einer solchen Gegend kann ein Whisky während seiner Fassreifung überhaupt einen regionalen Charakter entwickeln. Die klimatischen Bedingungen hierfür sind fantastisch.
Ein sonntäglicher Besuch bei der Balblair Destillerie lässt nur wenig von der langen und teilweise verwirrenden Geschichte erahnen. Lange Zeit herrschte selbst bei den Inhabern Unsicherheit darüber, wann genau der erste Whisky am Standort gebrannt wurde. Fest steht, das dies bereits Mitte des 18. Jahrhundert in der Gegend geschah – nur war darüber leider kein schriftlicher Beleg zu finden.
Selbst die Balblair Distillery war viele Jahre der Auffassung, dass ihre Gründung auf das Jahr 1848 zurückgeht. Bereits um 1887 schrieb der Whisky-Journalist Barnard in seinem bekannten Werk „The Whisky Distilleries of the United Kingdom“ dazu: „Die Brennerei wurde 1790 gegründet und war zu Beginn des Jahrhunderts noch sehr klein und altmodisch. Vor etwa 15 Jahren erweiterten Ross & Son den Betrieb und verlegten Mälzerei und Brenngebäude weiter hangaufwärts, um so von der Schwerkraft zu profitieren. Die alten Gebäude am Fuß des Hanges wurden zu Lagern umfunktioniert.“ (Auszug aus der deutschen Übersetzung).
Balblair verfügt heute über eines der ältesten Archive in der schottischen Whisky-Welt. Jim Murray berichtete, dass noch im Jahr 1990 ein Farmer aus der Gegend uralte Bücher in seinem Speicher fand, welche die Anfänge der Destillerie dokumentieren. Diese übergab er dem langjährige Manager Jimmy Yeats. Was diese Bücher enthielten, ist nie offiziell beschrieben worden. Fest steht, dass der Distillery das Hauptbuch des Jahres 1800 vorliegt. Darin hat John Ross selbst den ersten Eintrag am 25. Januar vorgenommen. Dieser lautete: „Verkauf an David Kirkcaldy in Ardmore, eine Gallone Whisky für „GBP1.8.0d“. Das was John Ross zum Beginn des 18. Jahrhunderts brannte, hat wenig mit dem heutigen Whisky gemein. Es war ein stark getorftes, klares, farbloses Destillat mit einer Stärke von etwa 90 bis 125 Proof (d. h. etwa 51 bis 71 % vol.). Eine „Reifung“ im heutigen Sinn, kannten die Schotten damals noch nicht.
Nach eingehender Betrachtung fällt auf, dass die Gebäudeaufteilung der Balblair Destillerie und die Lage unmittelbar an einer Bahnlinie eine frappierende Ähnlichkeit mit einer anderen Highland Destillerie aufweist. Bei dieser handelt es sich um Ardmore nahe Kennethmont, obwohl beide nie in einer wirtschaftlichen Verbindung miteinander standen. Überraschenderweise gibt es unweit von der Balblair Distillery sogar eine kleine Siedlung namens Ardmore, welche aber auch nichts mit der gleichnamigen Destillerie zu tun hat. Letztendlich ist die Ähnlichkeit relativ einfach zu erklären. Beide Destillerien wurden fast zeitgleich von Charles C. Doig geplant und gebaut. Offenbar nutzte dieser die Blaupausen eines Entwurfs für beide Distillery und passte diese dem jeweiligen Standort an.
Vor einigen Jahr erlangte Balblair beträchtliche cineastische Aufmerksamkeit. Die meisten Außenaufnahmen des Films „The Angel’s Share“ aus dem Jahr 2012 wurden an der Balblair Distillery gedreht. Somit lebt die Geschichte der Destillerie auch im 21. Jahrhundert weiter.
L. E.