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Charles Chree Doig – der Architekt der Doig-Pagode

Ein architektonisches Wahrzeichen vieler Destillerien in Schottland sind die Pagodendächer der Malzdarren, welche im Englischen auch als Kiln bezeichnet werden. In diesen wird bekanntlich die von den Mälzböden kommende gekeimte Gerste getrocknet, um so den Keimungsprozess zu beenden und gleichzeitig das Malz langerfähig zu machen. Dazu wird in den Darrräumen die vom Darrofen erzeugte heiße Luft bzw. der erzeugte heiße Rauch, durch das auf den Trockenböden ausgebreitet Gerstenmalz geleitet. Dabei ist entscheidend, dass die Keimung des eingebrachten Malzes sowohl gleichzeitig, als auch gleichmäßig zum Stillstand gebracht wird. Gelingt dies nicht, keimt ein Teil des Getreides zu lange und überschreitet so den idealen Zeitpunkt, an dem sich im Korn der günstigste Maltoseanteil gebildet hat. Mit dem Ergebnis, dass ein Teil des Malzes für den anschließenden Maisch- sowie Gärprozess weniger oder gar nicht geeignet ist.
Dabei haben die Qualität des Getreides, die Bauweise und die Größe der Malzdarren unmittelbaren Einfluss auf den Trocknungsprozess. Der erstgenannte ist ein variabler Faktor, beide letztgenannten Faktoren sind dagegen weitgehend unabänderliche, auf welche nur bei der Errichtung bzw. einer baulichen Veränderung der Gebäude Einfluss genommen werden kann.
In der Regel wurden die Darrräume so angelegt, dass sich die Darröfen direkt unterhalb der Trockenböden befinden. Durch die Thermik der heißen Luft bzw. des heißen Rauchs kann so das auf den Trockenböden ausgebreitete Malz gleichmäßig durchströmt werden. Die Ableitung der heißen Luft bzw. des Rauchs erfolgt danach über die Dachkonstruktion. Als zweckdienlich erwies sich dabei eine Kombination aus Sattel-/Spitzdach mit einer Öffnung am Dachfirst.
Zur Vermeidung von nachteiligen Witterungseinflüssen beim Trocknungsprozess, war jeweils am oberen Ende der Öffnung eine Abdeckung erforderlich. Diese musste so gestaltet sein, dass möglichst kein Niederschlag, keine verendeten Vögel oder Vogelkot in die Darre gelangten. Bei der Ausführung der Abdeckung sollen auch ungünstige Wetterverhältnisse bedacht werden, beispielsweise Sturm oder Inversionswetterlagen.
Ursprünglich wurde als Abdeckung eine einfache Haube in Form eines kleinen Spitzdachs verwendet. Diese Bauart ist beispielsweise in der Darstellung der Dailuaine Destillerie zu erkennen, welche anlässlich des Besuches des Whisky-Journalisten Alfred Barnards im Jahr 1886 entstand, wobei dieser noch die Schreibweise Dail-Uaine verwendete.
Als Weiterentwicklung wurden drehbare, konische Haubenaufsätze entwickelt. Diese hatten zwar den Vorteil, dass durch die Sogwirkung des Windes eine verhältnismäßig gleichmäßige Ableitung der heißen Luft bzw. des Rauchs gewährleistet wurde, jedoch diese auch in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der gerade vorherrschenden Windstärke stand. In der Praxis bedeutete dies, je stärker der Wind blies, desto höher war die Sogwirkung im Bereich des Haubenaufsatzes. Dies musste zu einer ungleichmäßigen Entlüftung bzw. Entrauchung der Darre führen.
Dieser Einfluss konnte nur mit der Regelung der Befeuerung kontrolliert werden, d. h. stetig musste der Strom der heißen Luft bzw. des Rauchs den Windverhältnissen angepasst werden, was aber durch die thermische Trägheit des Darrofens nur bedingt gelingen konnte. Bei ungünstigen Witterungslagen führte dies zwangsläufig zu einer schlechteren Qualität des Malzes und damit zu einer ineffizienten Produktion.
Vier Jahre nachdem Barnard die Dail-Uaine Destillerie besucht hatte, sollten im Jahr 1889 die Malzdarren der Destillerie umgebaut und erweitert werden. Der Inhaber Thomas Mackenzie und dessen Partner James Fleming beschlossen den Trocknungsvorgang zu verbessern und damit die Effizienz der Destillerie zu steigern. Sie wandten sich an den damals noch wenig bekannten Baumeister Charles Chree Doig (*24. August 1855; †28. September 1918) aus Elgin, welcher mit 34 Jahren bereits einen guten Ruf als Vermesser und Baumeister genoss.
Doig, der seit 1882 einem Landvermesser namens Harbourne Marius Strachan Mackay in Elgin assistierte, beeindruckte denselben schon bald mit seinen Fähigkeiten als Vermesser und nicht zuletzt als Baumeister. Nach wenigen Jahren wurde Doig zum Partner von Mackay und unterhielt ab 1890 ein eigenes Büro in Elgin.
Er spezialisierte sich auf Neu- und Umbau von Destillerien und hatte damit auch überregional Erfolg. Bei der Planung ging Doig soweit, dass er nicht nur die baulichen Anlagen entwarf, sondern auch Brennblasen und Zubehör für die Produktion. Seinem Engagement werden heute nicht weniger als 56 Destillerien zugeschrieben.
Für die Darren der Dail-Uaine Destillerie entwarf Doig eine spezielle Dach-/Schornsteinkonstruktion, welche in der Praxis die Ableitung der heißen Luft bzw. des Rauchs deutlich verbessern sollte. Diese bestand als Kombination aus Dach und Schornstein inkl. einer neuartigen Abdeckung, welche es der heißen Luft bzw. dem Rauch erlaubte, gleichmäßig und weitgehend ungehindert durch Witterungseinflüsse abzuziehen.

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Doig fand heraus, dass dies mit einer nach außen und gleichzeitig nach oben geschwungener Abdeckung am besten gelang. Dabei reduzierte er die Anzahl der horizontalen Lüftungsblenden am Ansatz der Entlüftungsöffnung und ordnete gleichzeitig die Haube vertikal etwas höher an, um so den Luftwiderstand der Konstruktion weiter zu reduzieren und damit die Wirkungsweise zu verbessern.
Diese Konstruktion kam – dank ihrer Effizienz und nicht zuletzt durch ihr markantes Erscheinungsbild – in den folgenden Jahren bei vielen Destillerien zum Einsatz. Die so – nach dem Prinzip „Form follows function“ – entstandene Abdeckung erinnert an ein Pagodendach, weshalb der Doig-Ventilator auch als Doig-Pagode bezeichnet wurde. Bei dem in die deutsche Sprache übertragenen englischen Begriff „Ventilator“ handelt es sich im ursprünglichen Sinne um nichts anderes als eine Entlüftung – grundsätzlich ohne mechanische Unterstützung, auch wenn diese später nachgerüstet wurde.
Die Konstruktion besteht – wie in der folgenden Originalzeichnung der Longmorn Destillerie von Charles C. Doig zu sehen – aus einer Holzkonstruktion und einer Bedachung derselben aus Metall – vornehmlich aus Kupfer oder Blei.
Originalzeichnung von Charles C. Doig
Im asiatischen Raum ist eine Pagode im eigentlichen Sinne eine Bauform eines mehrstöckigen bzw. turmartigen Gebäudes. Diese stammte ursprünglich aus Indien und wurde dort als Stupa (Grab) – zur Aufbewahrung sterblicher Überreste von Siddhartha Gautama (Begründer des Buddhismus) – genutzt. Aus späterer Zeit ist diese Bauform auch als religiöse Gedenkstätte und Tempel bekannt.
Das hervorstechende Merkmal sind die im Bereich der einzelnen Geschosse, horizontal die Außenwände überragenden, nach oben geschwungenen Dachflächen.
Diese elegante Dachform wurde in der Jugendstil-Epoche, im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als Stilmittel für unterschiedliche Gebäudeabschlüsse genutzt und durch diese geprägt. So verwunderte es nicht, dass auch Doig, der genau in dieser Zeit, als die kunstgeschichtliche Epoche des Jugendstils noch in den Kinderschuhen steckte, dieses stilprägende, architektonische Element in seine Entwurfs- und Ausführungskonzepten mit einbezog. Heute würde man solche auffälligen Konstruktionselemente auch als Eyecatcher bezeichnen.
Tragischerweise zerstörte 1917 ein Feuer in der Dail-Uaine Destillerie Doigs erstes Pagodendach. Er selbst starb nur ein Jahr später – im Alter von nur 63 Jahren – überraschend an Herzversagen. Seine Söhne übernahmen dessen Arbeit und führten fortan die Geschäfte des Unternehmens weiter.
Auch bei vielen anderen Destillerien wurden die Doig-Pagoden durch Brand oder mehr oder weniger einfühlsamen Modernisierungen zerstört. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte verzichteten immer mehr Destillerien aus Kostengründen darauf, ihr Malz selbst herzustellen. So verschwanden immer mehr der originalen Doig-Pagoden von den Dächern der historischen Destillerien. Soweit bekannt, besitzen nur noch Knockando, Cardhu, Laphroaig und Lagavulin die ursprünglich von Doig bzw. seinen Söhnen geplanten Dachkonstruktionen.
Heute hat das Pagodendach, welches noch immer viele ältere Destillerien prägt, nur noch selten einen praktischen Nutzen. Nur von Balvenie, Bowmore, Highland Park, Laphroaig und Springbank ist bekannt, dass sie ihre eigene Gerste ganz oder teilweise mälzen und deswegen auch Malzdarren betreiben.
Erstaunlicherweise wollte man noch Anfang der 70er Jahre beim Bau der Auchroisk Destillerie in der Nähe von Keith und selbst noch zwei Jahrzehnte später bei der Isle of Arran Destillerie nicht auf Pagodendächer verzichten, obwohl diese dort keinerlei Funktion mehr besitzen. Damit wurden die Pagodendächer auf ein schmückendes Beiwerk reduziert, was grundsätzlich nicht der heutigen Architekturauffassung entspricht und – falls er noch leben würde – wohl auch nicht Doigs Auffassung entsprechen dürfte.
Glücklicherweise wurde in den letzten Jahren bei Destillerieneubauten sowie -erweiterungen deutlich mehr Wert auf ein zeitgemäßes Architekturverständnis gelegt. Sichtbar wird dies bei der Erweiterung von The Macallan und Glenmorangie oder der Modernisierung von Rosebank.
So beeinflusst – gleichsam einer ansprechenden Whiskyflasche – auch das Erscheinungsbild der Destillerie (zumindest ein klein wenig) den Charakter des dort entstandenen Whiskys.
L. E.