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Cameronbridge Destillerie – John Haig`s Lebenswerk

Am südwestlichen Ortsrand von Windygates liegt inmitten einer industriellen Umgebung der Industriekomplex der Cameronbridge Destillerie (oft auch „Cameron Bridge“ geschrieben). Überregionale Bekanntheit erlangte die Brennerei Mitte des 19. Jahrhundert, da sie als erste in Schottland im größeren Maßstab Grain Whisky herstellte.
Cameronbridge`s Geschichte ist eng mit dem Unternehmer John Haig (*1802; †1878) verbunden. In der Literatur wird oft behauptet, dass Haig 1824 die Destillerie gegründet hat. Das ist aber anzuzweifeln, denn der Whiskyjournalist Alfred Barnard berichtete1886, dass vor Eintritt John Haigs in das Unternehmen, John Erdington und Robert Haig – beide Eigentümer der Lochin Destillerie am Standort bereits eine Destillerie betrieben hatten. Auch ein anderer Whiskyjournalist, Walter Schobert, meint, dass die Destillerie wohlmöglich schon 1813 von einem Mitglied der Familie Haig gegründet worden war und John Haig dieses lediglich übernahm. Fest steht, dass Haig im Alter von nur 22 Jahren eine Lizenz zum Betrieb einer Destillerie erhielt.
Haig war eine hochinteressante Persönlichkeit. Er stammte aus einer der ältesten Familien – manche Quelle sprechen von der ältesten Familie – Schottlands. Der erste schriftliche Beleg dafür stammt vermutlich aus dem Jahr 1655. In diesem Jahr wurde einem gewissen Robert Haig vom Kirchenältesten des Wohnorts vorgeworfen, dass er die Dreistigkeit besäße, an Sabbat – also an einem Sonn- oder Feiertag – Whisky herzustellen.
Haig tieb das Unternehmen energisch voran. Er suchte ständig neue Möglichkeiten die Produktion zu steigern. Besonders störten ihn das zeitraubende Mälzen und Darren des Getreides und die systembedingten Unterbrechungen des Destillationsprozesses mit Pot Stills.
Bereits 1829 installierte er einen von seinem Cousin Robert Stein entwickelten Destillationsapparat, welcher weder auf gemälzte Gerste noch auf Brennblasen angewiesen war. Dieser von Stein bei seinem Onkel in der Kilbagie Destillerie weiterentwickelte Säulenbrennapparat von Perrier wurde schließlich als „Stein Still“ patentiert bzw. als „Patent Still“ oder „Column Still“ bekannt.
Ab 1830 konnte Haig die Produktion deutlich steigern. Nur waren dafür größere Mengen an Getreide erforderlich, was jedoch anhand der Lieferbedingungen im schottischen Lowland eine lösbare Herausforderung war. Schnell stellte sich aber ein gravierender Nachteil heraus. Das Aroma des so hergestellten Whiskys litt deutlich unter dem neuartigen Brennverfahren. Die Ursachen hierfür, die höhere Destillationsgeschwindigkeit und die bei der Apparatur verbauten Materialen. Konstruktionsbedingt konnte letzteres nicht nur Kupfer sein.
Zwangsläufig gingen durch die niedrigere Qualität die Verkaufserlöse zurück. Haig war jedoch vom neuartigen Verfahren überzeugt und kompensierte die sinkenden Erlöse mit steigendem Produktionsvolumen. Neben den Stein Stills, welche sogar bis 1929 – d. h. fast 100 Jahre – im Einsatz blieben, wurden bereits 1831 zwei weitere Säulenbrennapparate installiert. Diesmal waren es zwei von Aeneas Coffey entwickelte Apparate, welche später als „Coffey Stills“ bekannt wurden. Beharrlichkeit zahlte sich für Haig aus. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war er einer der wirtschaftlich erfolgreichsten Whiskyproduzenten Schottlands. Erstaunlicherweise betrieb Haig neben den Säulenbrennapparaten auch die alten Pot Stills weiter. So war es in Cameronbridge prinzipiell möglich, sowohl Malt als auch Grain Whisky herzustellen.
Im Jahr 1877 wurde die Distiller Company Ltd. gegründet. Cameronbridge gehörte zu den Gründungsmitgliedern. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs war Cameronbridge weitgehend stillgelegt. Da es jedoch durch die Säulenbrennverfahren möglich war auch Neutralsprit herzustellen, konnte so die Produktion in einem geringen Umfang aufrechterhalten werden. Erst 1947 wurde die Produktion wieder in vollem Umfang aufgenommen. 1986 wurde Distiller Company Ltd. von United Distillers (UD) übernommen.
Zwischen 1989 – 1992 erfolgte eine umfassende Modernisierung der Produktion. Wiedererwartend wurde die Produktion nicht wieder aufgenommen. Mit dem Zusammenschluss des Mutterunternehmens Guinness mit dem Lebensmittelriesen Grand Metropolitan kam 1997 das Ende von United Distillers (UD). Das neu entstandene Unternehmen trug den Namen Diageo, dessen Aktien am 17. Dezember 1997 erstmals gehandelt wurden. Diageo entschied erst im Jahr 2000 die Produktion von Cameronbridge wieder hochzufahren.
In Cameronbridge wird neben Whisky, auch Gin und Wodka hergestellt. Ein Großteil der Produktion wird zur Herstellung der Diageo-Blends, „Buchanan’s“ oder „Johnnie Walker“, verwendet. In einem geringen Umfang wird dieser aber auch als Single Grain Whisky vertrieben – der Name „Cameron Brig“. Ein perfekter Einstieg in die Grain-Whisky-Welt. Interessant dabei, auf dem Label sind noch immer die Worte von Alfred Barnard über Cameronbridge zu lesen.
L. E.